Walter Reed geb. Werner Rindsberg wurde am 27.02.1924 in Würzburg geboren und lebte in Würzburg, Wilmette, IL, Mainstockheim, Brüssel, Château de La Hille, Spanien, Portugal, New York, Normandie, Paris, Marburg, Columbia, MO, Chicago.
Seine Eltern waren Rindsberg Siegfried (14.10.1891–1942) und Rindsberg Ricka geb. Rindsberg (07.04.1893–1942).
Er starb am 13.01.2016 in Wilmette, IL.
Weitere Angaben aus den Quellen: Walter Reed wurde am 27. Februar 1924 als Werner Moritz Rindsberg in Würzburg geboren. Sein Vater war der in Mainstockheim ansässige Weinhändler Siegfried Rindsberg, der mit Ricka, geb. Rindsberg, verheiratet war. 1926 und 1928 kamen noch die Brüder Herbert und Kurt zur Welt. Werner besuchte die Israelitische Elementarschule in Mainstockheim. Sein Lehrer Siegbert Friedmann war zugleich Kantor der Synagoge. Unter anderen Umständen hätte Werner eine ganz normale Kindheit haben können, doch 1933 waren die Nationalsozialisten an die Macht gekommen. So mussten die Kinder seiner Schule im Biologieunterricht künftig gegenseitig ihre Schädel vermessen, um die sog. Rassenlehre der Nazis zu verbreiten. Als während des Novemberpogroms 1938 reichsweit über 30.000 männliche Juden inhaftiert wurden, kam aus ungeklärten Gründen auch der 14-jährige Werner hinter Gitter. Drei Tage später wurde er jedoch aufgrund seines jungen Alters wieder entlassen. Sein Vater hatte weniger Glück, wurde nach Dachau verschleppt und dort fünf Wochen festgehalten. Im Juni 1939 konnte Werner bei einem der sog. Kindertransporte nach Brüssel ins Ausland gelangen. Warum seine Eltern nicht auch seine beiden Brüder dorthin geschickt haben, konnte er sich zeitlebens nicht erklären. Im zunächst noch friedlichen Brüssel machte er in Verbindung mit einer Berufsschule eine Ausbildung zum Mechaniker. Doch am 10. Mai 1940 folgte der Einfall der Wehrmacht in das neutrale Belgien. Nach nur fünf Tagen war das Land vollständig besetzt. Gerade noch rechtzeitig wurde Werner mit rund 100 weiteren Kindern in einem Zug in das unbesetzte Südfrankreich evakuiert. Dort wurden die Jugendlichen auf dem linkext(Château de La Hille#627) versorgt. Da Frankreich seit Beginn des Weltkrieges eine ablehnende Haltung gegen alle Deutschen im Land an den Tag legte (Erwachsene wurden beispielsweise monatelang inhaftiert), kam auch die Behandlung auf der spätmittelalterlichen Burg eher einer Notversorgung gleich. Essen gab es wenig, an Kleidung nur das Nötigste, Deutsch zu sprechen war verboten. Doch nach fast einem Jahr eröffnete sich für Werner ein Weg in die endgültige Freiheit: Er und 16 weitere Jugendliche erhielten ein Notvisum für die USA. In seinem Fall gab es dort zwar Verwandte, die dafür notwendig waren, anderen Kindern mit Angehörigen in den USA durften allerdings trotzdem nicht ausreisen. Über Spanien und Portugal gelangte er im August 1941 nach New York City. Zunächst wurde er von der Hebrew Immigrant Aid Society versorgt. Ein eigenes Haus zu kaufen, wie das, in dem er zuletzt lebte, war ihm als Jude Anfang der 1940er Jahren nicht möglich, daher trat er 1943 der US-Army bei, um irgendwie versorgt zu sein. In der Folge erhielt er die amerikanische Staatsbürgerschaft und änderte seinen Namen in Walter W. Reed. Das W. stand für Werner, ansonsten wollte er nicht mehr mit seiner deutschen Vergangenheit oder seinem jüdischen Glauben in Verbindung gebracht werden - der Antisemitismus in den USA tat sein eigenes, diese Entscheidung nie zu bereuen. Etwa eine Woche nach der D-Day-Offensive landete Walters Einheit in der Normandie. Seine Aufgabe als gelernter Mechaniker war die Reparatur von Bulldozern. Nachdem seine Einheit, die 95. Infanteriedivision unter General Patton, in das befreite Paris versetzt worden war, erfuhr er, dass deutschsprachige Soldaten gesucht würden, um bei der Entnazifizierung mitzuhelfen. Nach Kriegsende war er deshalb im Dienste des linkext(Counter Intelligence Corps (CIC)#626) daran beteiligt, das Professorium der Universität Marburg auf Vergangenheit und Gesinnung zu überprüfen. Ein Trick, den er dabei anwandte, war die Frage nach dem Datum des Parteieintritts. So hatte er einen Indikator, ob der Befragte freiwillig der NSDAP beigetreten war. Natürlich verfügte das CIC abseits davon über Listen der Parteimitglieder. Zu dieser Zeit war Walter noch nicht darüber informiert worden, dass seine Eltern und seine beiden Brüder 1942 in Polen ermordet worden waren. Nach seiner Rückkehr in die USA verschwieg er das Schicksal seiner Familie für mehr als 50 Jahre. Auf entsprechende Fragen antwortete er, er sei in Brooklyn geboren, seine Eltern bei einem Autounfall gestorben, Geschwister hätte er nie gehabt. Er besuchte anschließend die Universität von Missouri und studierte dort Journalismus. 1958 zog er nach Chicago um, wo er als Direktor der Abteilung Öffentlichkeitsarbeit bei der National Automatic Merchandising Association für fast 30 Jahre tätig war. 1970 heiratete er seine Frau Jeanne. Das Paar bekam drei Kinder: Brian, Andrew und McRae. 1997 ging er in den Ruhestand und begann erstmals, über seine Erfahrungen während der NS-Zeit zu berichten. Bei öffentlichen Vorträgen in den USA, Belgien, Deutschland und in vielen anderen Ländern berichtete er über sein Leben. 1998 und 1999 organisierte er in Chicago ein Wiedersehen der Überlebenden "Kinder von La Hille". So heißt auch sein 2015 erschienenes Buch, das er 2004 von Dr. Theo Tschuy in der Schweiz übernommen hatte, nachdem dieser unerwartet verstorben war. Als er sich 2016 in der Vorbereitung einer Rundreise zur Buchpräsentation befand, verstarb er an plötzlichem Herzversagen. Seine Frau Jeanne führte die Rundreise an seiner statt fort. Seinen Kindern, dem Enkelkind und Jeanne bleibt er als warmherziger Vater, Großvater und Ehemann in Erinnerung, dem die Familie stets am wichtigsten war. Quellen: Daniel Dorfman, "Walter Reed, Holocaust speaker and author, dies", Chicago Tribune, 25.01.2016 Emely Spectre, "Remembering Children of La Hille", Daily North Shore, 17.09.2015 Klaus Hillenbrand, "Die Rückkehr des Gedemütigten", taz.de, 09.11.2013 Anne Prior, "Erinnerungen an Walter Reed", rp online, 19.03.2016.